Document (#28305)

Author
Bayer, M.
Title
Nebeneffekte
Source
Frankfurter Rundschau. Nr.69 vom 22.3.2004, S.10
Year
2004
Series
Netzwerk: CeBIT - Bits'n'Bytes
Content
"Vor gar nicht allzu langer, Zeit machte das graue Einheitstelefon der Bundespost "ring, ring", egal, wer die Rufnummer der Familie wählte. Heute klingelt ein bunter Apparat mit Display in den schönsten Tönen - und zwar unterschiedlich, je nachdem, ob Tochter, Sohn oder die Eltern gefragt sind. Einst steckte man das Kabel eines neuen Telefons in die Buchse und plauderte los. Nun geht nichts ohne langwierige Programmierarbeit. - Schön kompliziert - Schöner und bequemer - die digitale Welt macht Dinge möglich, die vor einem oder zwei Jahrzehnten kaum vorstellbar waren. Aber das hat seinen Preis: Vieles ist komplizierter geworden, die Bedienungsanleitungen dicker und meist unbrauchbarer. Nicht wenige verzichten daher dankend auf die neue Vielfalt. Sie lassen die Programmierfunktion des Videorekorders Programmierfunktion sein - und spielen lieber geliehene Filme ab. Allenfalls Kinder und Jugendliche, ergaben Studien, kämpfen sich wieder und wieder durch die elektronischen Menüs, bis sie wissen, wie alles läuft. Denn nur dann können sie anschließend den Freunden stolz präsentieren, was ihr Gerät schafft. Die digitale Welt bringt noch schwer wiegendere Nebenwirkungen: Sie erlaubt mehr und mehr Kontrolle. Strafverfolger können dank Onlinezugriff auf die Rechner der Telefongesellschaften erfahren, wer wen wann anruft oder wo sich Handynutzer aufhalten. Chips vereinen immer mehr Daten, die in der Kombination weit gehende Rückschlüsse auf Lebensgewohnheiten erlauben: Etwa, wenn das gleiche Stück Plastik die Arbeitszeiten erfasst und in der Kantine als Zahlungsmittel dient. Wie viel Bier hat der Angestellte, der heute zu spät kam, gestern Nachmittag gleich noch mal gekauft? Oder die Geldkarte fürs praktische bargeldlose Bezahlen - meist kann sie im Zusammenhang mit Mobilität verwendet werden, etwa für Bus- oder Parkhaustickets. Da sind Bewegungsprofile technisch kein Problem. Erst recht nicht mit Rabattkarten, die Kunden automatisch beim Betreten eines Supermarkts erkennen.
- Gefährliche Datensammlungen - Klar, die Verantwortlichen versprechen stets, solche Rückschlüsse würden nicht gezogen. Und die Kritiker entgegnen dann, was erst einmal möglich ist, werde irgendwann doch umgesetzt. Die Bürger und Verbraucher müssen selbst überlegen, welcher Auffassung sie folgen. Wie auch immer ihre Entscheidung ausfällt - zunehmend wichtig wird, dass sie mögliche Nebenwirkungen der digitalen Welt erkennen und dass solche Fragen auch öffentlich diskutiert werden. Die nächsten Gelegenheiten dazu nahen. Die Bundesdruckerei geht auf der Messe Cebit in Hannover davon aus, dass die Bürger schrittweise von 2005 an digitale Reisepässe bekommen; ein Chip darauf speichere Fingerabdrücke und Gesicht. Bis zum Jahr 2006 möchte die Bundesregierung für ;die 70 Millionen Versicherten in Deutschland eine Gesundheitskarte einführen. Die könnte, wirbt ein Hersteller, alle wichtigen medizinischen Informationen archivieren:, Zunächst würden Notfalldaten und Rezepte erfasst, sagt das Gesundheitsministerium. Und Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) engagiert sich in Hannover für eine Jobcard, die sämtliche Sozialversicherungsdaten der Beschäftigten enthält. Firmen können sie auch zur Lohnbuchhaltung einsetzen. Man mag sich nicht ausmalen, was passiert, wenn solche gesammelten sensiblen Daten in die falschen Hände geraten. Man mag nicht. Genau das ist das Problem. Denn man sollte. Damit die Nebenwirkungen der digitalen Welt Nebenwirkungen bleiben."
Theme
Internet
Field
Informationstechnik

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