Document (#30904)

Author
Neisser, U.
Title
Kognition und Wirklichkeit : Prinzipien und Implikationen der kognitiven Psychologie
Issue
Mit e. Einf. von Hans Aebli. Aus dem Amerikan. übersetzt von Regine Born. 2. Aufl.
Imprint
Stuttgart : Klett-Cotta
Year
1996
Pages
176 S
Isbn
3-609-91808-6
Series
Konzepte der Humanwissenschaften
Content
"Was hat uns Ulric NEISSER nach seinem klassischen Forschungsbericht über die Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung von 1967 (deutsch 1974) in diesem schmalen Band noch zu sagen? Nachträge? Korrekturen? Wenig oder nichts von alledem! Der Untertitel des neuen Buches sagt es treffend: NEISSER hat über die Prinzipien und Implikationen des Wahrnehmungs- und Erkenntnisgeschehens nachgedacht. "Kognition und Wirklichkeit" ist ein philosophisches Buch. Aber es bewegt sich nicht in der dünnen Luft der Abstraktionen, fliegt nicht rasch vom Boden der Wirklichkeit in verbale Höhen auf, sondern bewegt sich nahe an den Phänomenen - und an den Experimenten. So hatte es Francis BACON im Novum Organum gewünscht! Es geht auch in diesem Buch vor allem um die Wahrnehmung. Aber es ist nicht die Wahrnehmung jener hoch sophistizierten und doch naiven Experimentalpsychologie, die in der Versuchsperson vor dem Tachistoskop nur ein optisches System, eine Netzhaut und ein Sehzentrum sieht: eine camera obscura plus Registratur sozusagen. NEISSER wird nicht müde, die Enge, die Unnatürlichkeit. die mangelnde ökologische Validität und daher die Falschheit dieses Paradigmas zu betonen. Wahrnehmung ist eine Tätigkeit. Der Mensch bemächtigt sich der Gegebenheiten der Wahrnehmung. Die Informationsverarbeitung ist der Wahrnehmung nicht nachgeordnet. Wahrnehmung ist Informationsverarbeitung. Sie hat ihre Werkzeuge. NEISSER nennt sie mit BARTLETT und PIAGET Schemata. Ohne sie sieht der Mensch nichts. Aber sie sind dem Menschen. mit Ausnahme von einigen einfachen Analysatoren und elementaren Strukturen, nicht angeboren. Er haut sie in lebenslangen Lernprozessen auf. Darum sind die Begriffe des Wahrnehmungslernens, der Wahrnehmungserfahrung und - als ihr Ergebnis - derjenige des tüchtigen (skilled) Wahrnehmers zentrale Begriffe in diesem Buch. Der tüchtige Wahrnehmer geht nicht mit leeren Händen an das Geschäft des Erkundens der Welt. Er weiß, was in einer Situation zu erwarten ist. Er antizipiert das kommende Geschehen und die Merkmale, die er noch nicht sieht. Er gleicht einem Handelnden, der einen Plan hat und sich aufgrund einer kognitiven Landkarte bewegt. Was er sieht, hat einen "Rahmen" (frank), der mehr enthält als das unmittelbar Gegebene. Das bedeutet nicht, daß er alles schon weiß. NEISSER vertritt keine Theorie der angeborenen Ideen. Das Schema ist nicht die Sache. Was schematisch ist, bedarf der Spezifikation, der Rahmen muß gefüllt werden. Erwartungen, Antizipationen können auch enttäuscht werden. Die Wahrnehmungsschemata verändern sieh zudem im Zuge des Wahrnehmens. Daher spricht NEISSER von Wahrnehmungszyklen, von einem "zyklischen Fluß zwischen Schema und Informationsaufnahme". In diesem Geschehen spielen die Bewegungen des Wahrnehmen, eine zentrale Rolle. Darum ist es so unnatürlich, ihn vor einem Tachistoskop zu fixieren. Wenn er eine Statue oder ein Motorenmodell betrachtet, geht er um den Gegenstand herum. Ein neues Schmuckstück dreht und wendet er in seinen Händen. Fr tut dies, weil er im Zusammenspiel der Sinne Information gewinnt, die das statische Netzhautbild nie liefern würde.
Darum sind Wahrnehmung und Handlung auch so eng verwandt: Beide haben ihre Pläne, wie NEISSER mit MILLER, GALANTER & PRIBRAM gerne sagt. Beide vollziehen sieh in der Zeit. Im tastenden Erkunden eines Gegenstandes fließen Wahrnehmung und Handlung zusammen. Seine Analyse sollte uns lehren, auch die visuelle Wahrnehmung neu und aktiv zu sehen. Von daher gelangt NEISSER auf natürliche Weise zum Problem der Aufmerksamkeit. Ihre Selektivität ist offensichtlich. Wie kommt sie zustande? Durch irgendwelche Filtermechanismen? NEIsSER kann den Filtertheorien nichts abgewinnen. Ihre Annahme führt zu allen möglichen Komplikationen. Es ist viel einfacher: Wenn man die Gegebenheiten der Wahrnehmung (auf-) nehmen muß, so wird man auch einiges liegen lassen. Es gibt nichts herauszufiltern. Man nimmt es einfach nicht. Die Frage der Auf- der Kapazität der Wahrnehmung, ist ähnlich zu sehen: Wenn wir sie in einen natürlichen Kontext stellen, so erweist sie sich als eine Frage des Wahrnehmungslernens und der Wahrnehmungserfahrung. Was ein Schachmeister auf einem Schachbrett in einigen Sekunden sieht und was er davon behält, ist ein Mehrfaches von dem, was ein Anfänger sieht und behält. Ist sein Geist anders geartet? Nein, aber er kennt eine Vielzahl von Konstellationen, die er auf einen Blick, als Ganze, erfaßt. Man kann daher seine Aufmerksamkeits- und Gedächtniskapazität erweitern, indem man die Sache studiert, auf die sie sich bezieht. Das ist keine psychologische Alchemie. und der Erfolg ist bereichsspezifisch, aber es ist ein hoffnungsvoller Ausblick. In diesem Bereich hat NEISSER auch interessante experimentelle Befunde aufzuweisen. Sie betreffen die doppelte Aufmerksamkeit und nehmen die frühen Untersuchungen zur "écriture automatique", die William JAMES in Harvard und FLOURNOY in Genf betrieben hatten, unter modernen Gesichtspunkten wieder auf.
Wir haben NEISSERs Werk ein philosophisches genannt. Das wird im Schlußkapitel des Buches besonders deutlich. Hier stellt NEISSER vor allem die Frage von Determinismus und Freiheit im menschlichen Verhalten. Konkret geht es uni die Frage der Manipulierbarkeit des Menschen. NEISSER ist hier optimistisch. Wenn der Mensch nicht der formbare Lehmklumpen ist, mit dem ihn der Empirismus immer wieder, bewußt oder unbewußt, verglichen hat, wenn Wahrnehmung nicht ein Prozeß der Abbildung der Erfahrung in einen passiven menschlichen Geist ist. so wird es nicht so leicht sein, den Menschen zu beeinflussen und zu manipulieren. Er wird ansehen, was ihm gefüllt und was ihm sinnvoll erscheint. Wer ihn beeindrucken will, muß mindestens soviel von der Sache verstehen wie er. Noch einmal: Einen Schachmeister beeindruckt man nicht mit psychologischen Techniken, sondern mit gutem Schachspiel. Wahrnehmung und Denken wirken über die Inhalte, SELZ hatte gesagt: Über die Sachverhältnisse, die in ihnen auftreten. Unser Repertoire an Schemata des Sehens und Handelns macht uns frei und autonom. Mit ihrer Hilfe meistern wir auch die Probleme, die uns die Umwelt aufgibt. Man erkennt die Botschaft KANTS und diejenige einer tief verstandenen Aufklärung, die den Menschen nicht durch Kunstgriffe, sondern durch den Aufbau eines Repertoires an Mitteln der Erkenntnis und des Handelns autonom zu machen sucht. NEISSER ist mit seiner Botschaft in den USA zum Teil schlecht verstanden worden, was eigentlich erstaunlich ist, wenn man an die Macht der aufklärerischen Tradition in diesem Lande denkt. Wir mochten hoffen, daß das alte Europa, das die Chance hat, das Schauspiel der Psychologie auf einem historischen und geistesgeschichtlichen Hintergrund zu sehen, NEISSER besser versteht und seine Botschaft so aufnimmt, wie es ihre Tiefe und ihr begründeter Optimismus verdient." (H. Aebli)
Footnote
Original u.d.T.: Cognition and reality: principles and implications of cognitive psychology
Field
Kognitionswissenschaft
RSWK
Wahrnehmung / Kognition

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